Anstellen oder zukaufen – wenn Verantwortung monetär wird
Wer die einfache Rechnung aufmacht – 100.000 € Jahresvollkosten für einen Konstrukteur gegen 130 € Stundensatz eines Ingenieurbüros – landet zuverlässig bei der Anstellung. Nur ist damit ausgeblendet, dass beide Wege verschiedene Dinge leisten: Der eine schuldet Anwesenheit, sein Risiko trägt der Arbeitgeber; der andere schuldet Erfolg und haftet dafür selbst. Rechnet man das mit, verschiebt sich der Break-Even um Monate.
Die einfache Rechnung fällt für die Anstellung aus. Ein mittlerer Konstrukteur kostet in Österreich einschließlich Lohnnebenkosten, Arbeitsplatz und Werkzeuglizenz gerundet 100.000 € im Jahr. Von 2.080 bezahlten Jahresstunden bleiben nach Urlaub, Feiertagen und Krankenstand etwa 1.350 Nettoproduktivstunden – der Faktor von rund 0,65 ist in der Kostenrechnung wissensintensiver Tätigkeiten die Standardgröße, und im Konstruktionsbereich fällt er nach betrieblichen Auswertungen sogar noch niedriger aus, weil ein erheblicher Anteil der Zeit auf Doku, Beschaffung und Nacharbeit entfällt. Gegen einen Stundensatz von 130 €, wie ihn ein Ingenieurbüro mit Gewährleistung veranschlagt, wären 1.350 Zukauf-Stunden 175.500 € im Jahr. Die Anstellung ist in dieser Rechnung also günstiger, und damit scheint die Frage beantwortet.
Dabei bleibt unberücksichtigt, dass die beiden Wege Unterschiedliches leisten. Der angestellte Konstrukteur schuldet nach Dienstvertrag seine Arbeitskraft, nicht den Erfolg der Konstruktion. Das Ingenieurbüro schuldet nach Werkvertrag ein Werk – einen konkreten Erfolg —, trägt das wirtschaftliche Risiko bis zur Abnahme und haftet im Rahmen der gesetzlichen Gewährleistung für Mängel. Verantwortung ist Risiko. Risiko, das man beim Zukauf abgeben kann, muss man bei der Anstellung selbst tragen.
Was hinter den 1.350 Stunden steckt
Die Rechnung „2.080 minus Urlaub minus Krankenstand“ ist eher wohlwollend gegenüber der Anstellung. In Österreich lag der Krankenstandsdurchschnitt 2024 bei 15,1 Tagen pro Beschäftigtem – leicht rückläufig, aber deutlich über den etwa 12 Tagen, die manche Kalkulationen ansetzen. Nur 2,9 % aller Krankenstandsfälle dauern länger als sechs Wochen, aber wenn dieser Fall eintritt, ballt sich der Ausfall und der Arbeitgeber trägt in diesen Wochen Lohn ohne Leistung. Fortbildung, Meetings, Rüstzeit und die Verwaltungsanteile, die zu jedem Ingenieursalltag gehören, sind in den 1.350 Stunden noch gar nicht abgezogen. Studien zur Ingenieursproduktivität – etwa die von Siemens/Tech-Clarity 2022 zusammengefassten Auswertungen – kommen für die reine Konstruktions- und Auslegungsarbeit auf weniger als ein Fünftel der bezahlten Zeit; der Rest verteilt sich auf Doku, Nachfragen an Zulieferer, Wiederholarbeiten aus der Fertigung. Wer also 1.350 Stunden ansetzt, rechnet mit dem Konstrukteur, der überdurchschnittlich fokussiert arbeiten kann.
Was den Zukauf strukturell anders macht
Ein Werkvertrag bindet den Auftragnehmer an einen Erfolg. Wird dieser nicht erreicht, greift die Gewährleistung; der Auftraggeber kann nachbessern lassen, den Preis mindern oder vom Vertrag zurücktreten. Krankenstand, Urlaub und Karenz des Konstrukteurs sind dabei nicht das Problem des Auftraggebers, sondern des Ingenieurbüros – das Büro schuldet die Leistung; wie es sie erbringt, ist seine Angelegenheit. Der Stundensatz von 130 € trägt genau diese Übernahme: Er enthält Arbeitsplatz, Werkzeuge, Weiterbildung, Ausfallreserven und das unternehmerische Risiko des Ingenieurbüros.
Beim Dienstvertrag ist es umgekehrt. Der Arbeitgeber trägt das Betriebsrisiko: Ist gerade kein passender Auftrag da, läuft der Lohn weiter. Wird der Mitarbeiter krank oder fällt er wegen Karenz aus, trägt das ebenfalls der Arbeitgeber. Und wird die Konstruktion mangelhaft, haftet nach herrschender Auffassung er selbst gegenüber dem Kunden – der Mitarbeiter nur bei grober Fahrlässigkeit, mit klaren Grenzen. In der Kostenrechnung liest sich der Vollkostensatz eines Angestellten deshalb glatt; in der Realität steht daneben eine Reihe von Wahrscheinlichkeiten, die die Kurve nach oben ziehen.
Der Aufschlag, den die Anstellung wirklich trägt
Vier Effekte machen die Anstellung im Erwartungswert teurer, als der Vollkostensatz vermuten lässt.
Die Vakanz. Vom Ausschreiben bis zum Antritt vergehen in Österreich für Konstruktion und Entwicklung derzeit im Schnitt sechs Monate. In dieser Zeit wird die Arbeit entweder verschoben oder zugekauft, und in der Praxis ist der Zukauf der realistische Fall. Verlängert sich die Suche auf zwölf Monate, verschiebt sich der Break-Even allein aus diesem Grund von Monat 13 auf ungefähr Monat 19.
Die Anlernphase. Ein neuer Konstrukteur erreicht in einem eingespielten Team nach sechs Monaten etwa halbe Produktivität, nach zwölf Monaten volle. Für ein neues Produktfeld – der Anlass, aus dem die Stelle typischerweise entsteht – verlängert sich die Phase. In dieser Zeit muss die Bestandsmannschaft die Einweisung tragen, was ihre eigene Produktivität senkt.
Die Fehlbesetzung. Nicht jede Anstellung trägt so, wie sie geplant war. Ein Ausfall in der Probezeit, ein Wechsel nach einem Jahr, eine längere Krankheitsphase – jedes dieser Ereignisse setzt die Uhr zurück, und die Kosten der ersten sechs bis zwölf Monate fallen ein zweites Mal an. Über eine ganze Belegschaft gemittelt ist das eine kalkulierbare Frequenz; für die eine Stelle, um die es geht, ist es ein Wahrscheinlichkeitsschaden.
Die Karenz und andere Langausfälle. Auf jede Stelle verteilt ist die Wahrscheinlichkeit eines mehrjährigen Ausfalls – Karenz nach der Geburt eines Kindes, längere Krankheit, Pflege eines Angehörigen – nicht klein. Getroffen wird die eine Stelle nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, aber die Vertretung, wenn es passiert, muss zugekauft werden und kostet dann den vollen Stundensatz.
In der Grafik ist das als Risiko-Aufschlag von 25 % auf die laufende Anstellung eingebaut. Er ist kein Schätzwert für einen konkreten Fall, sondern der Erwartungswert über viele Stellen – die tatsächliche Belastung einer einzelnen Stelle liegt zwischen 0 und deutlich über 25 %. Mit diesem Aufschlag verschiebt sich der Break-Even von Monat 13 auf ungefähr Monat 20. Die verlängerte Vakanzsuche aus dem vorigen Abschnitt ist darin nicht enthalten, denn beide Rechnungen stehen jede für sich; wen beides zugleich trifft, der kommt entsprechend später über diesen Punkt. Erst wer den Bedarf über annähernd zwei Jahre stabil vor sich sieht, fährt mit einer eigenen Stelle strukturell besser.
Wann welche Antwort trägt
Zukauf ist strukturell überlegen, wenn der Bedarf schwankt oder in seiner Länge unklar ist, wenn Verantwortung nachweislich beim Auftragnehmer liegen soll, wenn eine seltene Kompetenz gefragt ist, für die eine dauerhafte Stelle nicht ausgelastet würde. Er skaliert Monat für Monat und bindet keinen Fixkostenblock.
Anstellung ist strukturell überlegen, wenn der Bedarf über mehrere Jahre stabil und breit ist, wenn interne Nähe zu Fertigung, Vertrieb und Kunden zählt, wenn über die Zeit ein Wissen aufgebaut werden soll, das im Haus bleibt. Bei diesen Voraussetzungen fährt sie ihren linearen Vorteil ein, sobald der Break-Even überschritten ist.
Der Zwischenweg – erst zukaufen, dann besetzen – passt dann, wenn der Bedarf zwar vermutlich dauerhaft ist, aber die Suche unter Zeitdruck steht. Der Zukauf trägt die ersten sechs bis zwölf Monate, in denen ohnehin gesucht und angelernt würde, und liefert nebenbei den Nachweis, dass die Kompetenz tatsächlich gebraucht wird. Wer nach einem Jahr weiter Bedarf hat, weiß es genau – und ist beim Einstellen entlastet, weil er nicht unter Druck sucht.
Die eigene Zahl
Setzen Sie Ihre eigenen Größen ein: den Vollkostensatz Ihrer Wunschstelle, den tatsächlichen Bedarf in Stunden pro Monat und die Länge Ihrer letzten Ausschreibungen. Der Risiko-Aufschlag hängt an Ihrer Branche, Ihrer Belegschaftsstruktur und daran, wie viel Nachbesetzungsrisiko Sie in vergangenen Jahren tatsächlich getragen haben. Die eigene Zahl liegt dann irgendwo zwischen den Kurven, und im Zeitverlauf wird sichtbar, ab wann sich die Entscheidung dreht. Die einzige Größe, die weder Sie noch wir vorab kennen, ist die Länge Ihrer nächsten Vakanzsuche – sie ist der eigentliche Hebel dieser Rechnung.
Quellen
- WIFO – Fehlzeitenreport 2024/2025 und WKO-Zusammenfassung – 15,1 Krankenstandstage im Schnitt 2024 in Österreich, 2,9 % der Fälle länger als sechs Wochen.
- HAYS Fachkräfte-Index Engineering – die Nachfrage nach Ingenieurfachkräften im Zeitverlauf; Konstruktion und Entwicklung zählen über die Konjunkturzyklen hinweg zu den durchgehend gesuchten Profilen.
- Konstruktionspraxis / meviy – Ingenieure und Produktivität: Wo die Arbeitszeit wirklich bleibt; Auswertungen (u. a. Siemens/Tech-Clarity 2022): reine Konstruktionszeit unter einem Fünftel der bezahlten Zeit.
- Wirtschaftskammer Österreich – Lohnnebenkosten – Grundlage für die Vollkostenrechnung des Angestellten.
- Brandauer Rechtsanwälte – Dienstvertrag, freier Dienstvertrag, Werkvertrag; WKO – Werkvertrag arbeitsrechtlich – Erfolg vs. Anwesenheit, Risiko- und Gewährleistungsübergang beim Werkvertrag.
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